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Dienstag, 6. Oktober 2009

Von Fürstenberg nach Stühlingen (21. Etappe)

Ca. 24 km in 6 3/4 Stunden bei 25 Grad, Sonne und Wolken, 6.10.2009
Landkreis: Schwarzwald-Baar-Kreis, Waldshut
Übernachtung : Gasthof Rebstock


Pfaffenhütchen in voller Schönheit

Eine elend lange aber abwechslungsreiche Etappe, viel bergauf bergab, und sehr einsam. Es scheint, als ob all die Wanderwege nur für mich alleine hergerichtet und ausgeschildert sind. Vielen Dank an alle, die dies pflegen.

Unterwegs hält ein fast 80-jähriger Bauer auf einer Landstraße an, und will mich mitnehmen: "Wou wolletseii?" Erst als ich ihm sage, dass ich bis nach Basel will, und mit Absicht zu Fuß gehe, verabschiedet er sich. Überhaupt stelle ich eh fest, dass die Herzlichkeit unterwegs eher von den sogenannten einfachen Menschen kommt, Bauern, Müllmännern, Arbeitern im Gewerbegebiet. Vornehme sportgestylte Menschen, die mir auf dem Fahrrad entgegenkommen, schauen, wenn sie überhaupt aufschauen, mit bösem, verklemmten Blick. Mir bleibt der Gruß im Halse stecken.


Gehen = Kontakt aufnehmen
--> mit mir
--> mit der Welt
--> mit der Vergangenheit
--> mit der Zukunft




Gehen = Distanz schaffen

--> zu den Menschen (den nahe stehenden)
--> zu Problemen
--> zu sich im Kreise drehenden Gedanken





Unterwegs ist es wieder nirgends möglich, sich mit etwas Essbarem einzudecken. Absolute Abgeschiedenheit. Schließlich bin ich soweit, dass ich auf einer Wiese einen heruntergefallenen Apfel nehme und esse. Der Besitzer möge es mir verzeihen. Absolut köstlich, so ein Apfel bei so viel Hunger.




Zur Erinnerung an meinen Gesundheitszustand bekomme ich unterwegs wieder mal eine arge Schmerzattacke in der Wirbelsäule.


Sto Stühlingen Südschwarzwald




Aber letztendlich komme ich in Stühlingen an.
Ein türkische Frau mit lokalem Akzent versucht mir zu erklären, wie der Weg zum Gasthof ist. Naja, wieder gibt es am Ende des Tages noch eine kleine Bergtour. Aber als ich dann oben bin, ist es das wirklich wert.
Der Gasthof ist liebevoll hergerichtet und man spürt die Seele der Menschen, im Gegensatz zum Gasthof vom Vortag.


Mittwoch, 30. April 2008

Von Biberach nach Bad Buchau (12. Etappe)


Ca. 20 km in 6 Stunden bei 2-6 Grad, Regen und Schnee, 15.4.2008
Landkreis: Biberach
Gröbenzell à Biberach mit dem Zug über Ulm
Übernachtung (2x): Gasthof Moorbadstuben in Bad Buchau


Nachdem ich den Start für diese Etappen nun mehrmals verschoben hatte, sowohl aus Gründen des schlechten Wetters, als auch aus Gründen von Prioritäten von Angelegenheiten, die nicht meine ureigensten waren, musste ich nun endlich wieder los.
Also, los bei schlechtem Wetter in dem Gottvertrauen, dass es sich schon fügen wird. Zumindest hat der Regen nicht auf mich heruntergeschüttet, sondern es war mal leichter, mal stärkerer Nieselregen.
Die Schuhe waren nun gut eingelaufen. Nur neue große Rucksack war schon schwerer, als der alte. Dann musste noch die richtige Art und Weise gefunden werden ihn zu tragen.

In Biberach wird man mit großem Rucksack nicht allzu sehr bestaunt, denn es führt einer der vielen Jakobswege durch die Stadt. Ich wollte ihn sogar ein Stück laufen, hab ihn dann aber nicht sofort gefunden, und war zu faul, bei dem Regen meine Karte herauszuholen.

Durch die Schwere des Rucksackes ist man nochmals anders mit der Erde verbunden. Einen Schritt nach dem anderen machen, nicht nur im Gehen, sondern auch im Tun. Wirklich immer nur einen. Die Langsamkeit in sich einsickern lassen.








Gedanken zum Blog (oder a Blog, also mit norwegischem a/o – eine Plage).


Es ist ermutigend im Internet auf Seiten zu stoßen von Überlebenden meiner Krankheit, von Menschen, die alles schon hinter sich haben.
Es ist entmutigend, herauszufinden, dass eine Seite vor fünf Jahren zum letzten Mal aktualisiert wurde. Was ist mit dem Menschen geschehen? Hatte er keine Lust mehr, oder ist er nach hoffnungsvollem Neubeginn gestorben?
Sicher wird das mit meinem Blog auch geschehen. Nur wann?
Und mit all den anderen Blogs. Es ist ja keiner unsterblich. Was passiert dann mit den Blogs? Werden sie irgendwann gelöscht? Darf man das? Einen Blog von einem Toten löschen? Gespenstisch, sich vorzustellen, dass das Web irgendwann voll sein wird von Totenblogs, Milliarden von Blogs… was bedeutet das? Für Historiker der Zukunft? Sie müssen nicht mehr im Sand graben?......

Montag, 6. Juni 2005

Die Idee - Zu Fuß zum Atlantik

Wie kam ich dazu? Die Idee kam in einer Zeit, in der ich aufgrund familiärer Turbulenzen das Gefühl hatte, dass nun wirklich alles nur noch auf meinen Schultern lastete. In der Buchhandlung in Starnberg (… aus welchem Grund war ich dort??), dort schoss mir das Buch in die Augen: Von München nach Venedig.


Ohne zu wissen warum, faszinierte es mich sofort, und es ward mein. Nachdem ich mir noch Infos aus dem Internet geholt hatte, war ich überzeugt, das ist es!!
Leider konnte ich niemanden in meiner Familie mitreißen. Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt schon egal, ich musste gehen.


So stieg ich nun detaillierter in den Weg ein, und musste feststellen, dass ich es mit meiner Kondition wohl nicht schaffen würde. Das Problem waren vor allem die Steigungen und teilweise noch recht anspruchsvolle Klettersteige. Somit hätte ich mir den Weg neu für meine Bedürfnisse einteilen müssen.


Irgendwann kam ich dann auf die Idee, dass ich ja meinen eigenen Weg gehen könnte (man beachte den Doppelsinn).


Doch, wo war mein Weg? Natürlich im Westen, dort wo ich schon immer im blauen Himmel den Atlantik sehen konnte. Schon damals mit vier Jahren, allein in unserem Garten, vereint und in Frieden mit mir, als ich noch nichts vom großen Meer wusste, lockte mich der viel versprechende blaue Himmel hinter unseren Föhren.



Also, Richtung Westen. Am besten direkt auf geradem Wege. Die Westspitze der Bretagne liegt dort.
Mein geistiges Lineal zeichnete den Weg entlang des 48.ten Breitengrades.


Nur der Beginn des Weges hatte sich wieder in meinem Alltag verheddert. Wenn die Zeit mal reicht, dann….


Schließlich kam die Diagnose: Rückfall des Morbus Hodgkin, der mich vor 10 Jahren schon mal kurz begleitet hatte. Der Beginn, nein das ganze Vorhaben, erstarb in meiner Hoffnungslosigkeit.


Irgendwann nach den ersten drei Schockmonaten, nachdem ich mich an das Leben mit Chemotherapie und dauernder Krankheit und Einschränkung schon fast gewöhnt hatte, wurde der Traum wiedergeboren.
Worauf sollte ich eigentlich immer noch warten. Vielleicht würde ich nie mehr gesund werden. So lange konnte ich nicht mehr warten. Ich würde ganz langsam gehen. Mein eigenes Tempo. Und wenn es ewig dauern würde, es ist mein Tempo, und es ist mein Weg.


Einige Wochen nach der letzten Chemo (und noch vor den Bestrahlungen) startete ich. Es war eines der wichtigsten Erlebnisse meines Lebens. Endlich meinen eigenen Weg zu gehen. Ganz bewusst. Alleine. Ich hätte davonfliegen können vor Glück.


Dieser Weg, ein unberührter, von niemandem eingetreten, erscheint mir abenteuerlicher, als die Erkundung der Quellen des Nils. Denn ich gehe einen nur für mich sichtbaren Weg durch die Lebensräume unserer Zivilisation.

Zu Fuß zum Atlantik, oder die Zukunft liegt im Westen

Juni 2005


In drei Tagen wird es sich entscheiden, wie mein Leben weitergeht. Ob ich wieder mal der Phönix bin, und aus der Asche entsteigen werde, oder ob die moderne Medizin neue Foltermethoden für mich bereithält, um meinen Lebensfaden nochmals zu verknoten und zu verlängern.


Der Festplattencrash vor drei Wochen war eine Zäsur. All meine Daten waren verloren. Die Unterstützungsmails von meinen Freundinnen während des ganzen letzten Jahres, aber auch meine eigenen Zustandsbeschreibungen, die ich nun nicht mehr formulieren könnte, da mein Gehirn gnädigerweise einen Schleier darüber gelegt hat.

Und ebenso die ersten drei Etappen meiner Expedition nach Westen gingen so verloren.

Ich werde versuchen, sie aus der Erinnerung heraus zu schreiben.